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  • Lars Henriks

Zur Verachtung von Kultur

In einem Bilderbuch-Klassiker, dessen Implikationen mir schon als Kind unangenehm waren (was ich nie so ganz zum Ausdruck bringen oder gar begründen konnte), geht es um die Maus Frederick, die, während alle anderen Mäuse Vorräte für den Winter sammeln, in der Sonne liegt und "Farben sammelt".

Zunächst sind die anderen Mäuse sauer auf den faulen Frederick aber als sie im Winter in ihrer unterirdischen Höhle depressiv werden, erzählt er ihnen von Farben und Sonnenstrahlen und sie freuen sich und verzeihen ihm.

Das ist natürlich alles gut gemeint. Seid tolerant den faulen Selbstverwirklichern gegenüber - Am Ende, nach getaner Arbeit, freut ihr euch über ihre Kunst.

Inakzeptabel ist es, weil es eben gerade das Märchen vom Kulturschaffenden als faulem Selbstverwirklicher reproduziert. Das könnte nicht weniger mit der Realität gemein haben!

Wer auch immer denkt, Künstler lägen faul in der Sonne, bis sie uns dann bespaßen dürfen, soll gerne einmal versuchen, ein Drehbuch, einen Roman oder ein Theaterstück zu schreiben, eine Bühne zu beleuchten, einen Film auszustatten, einen Drehtag zu planen, ein Album abzumischen, ein Geigen-Solo zu spielen oder ein Hörbuch einzusprechen. Wir reden hier von harter, oft körperlicher, undankbarer, frustrierender, anstrengender Arbeit!

Wie viele Angehörige bürgerlicher Berufe ich schon dabei beobachten durfte, in einem Anflug von Midlife-Crisis zu beschließen, jetzt ja "was richtiges" gelernt zu haben, und nun zur entspannten Selbstverwirklichung mal einen künstlerischen Beruf (meistens Schauspieler) ausprobieren zu wollen!

Nach einiger Zeit fällt ihnen immer auf, wie anstrengend diese Jobs sind, und wie hart sie arbeiten müssten, um zu bestehen, und sie gehen zurück in ihre ursprünglich erlernten Berufe, weil diese im Vergleich unendlich entspannt sind.

Mir fallen nicht viele Berufsfelder ein, die einen stressigeren Alltag bieten, als die Kulturindustrie. Hierbei werden auch bedeutende Gewinne eingefahren und die Kulturindustrie trägt einen großen Teil der Steuerlast in Deutschland, während ihre Arbeitenden in finanziell prekären Situationen leben und gesellschaftlich offensichtlich als eine Art Edel-Schmarotzer betrachtet werden.

Kultur wird als ein Luxus gesehen, den eine florierende Gesellschaft sich leisten kann, wenn sie denn möchte, womit dann die Kulturschaffenden gönnerhaft durchgefüttert werden.

Diese Ansicht ist in ihrer Ignoranz geradezu widerwärtig.

Klassischerweise gehen die meisten Menschen davon aus, dass Kunst und Kultur etwas sind, was entstand, nachdem Menschen sesshaft geworden sind und die entstehende Agrar-Ökonomie einen Überschuss abzuwerfen begann, der es den Menschen erlaubte, den trivialen Nebensächlichkeiten des Lebens Aufmerksamkeit zu schenken.

Diese Ansicht ist falsch und verdreht die tatsächliche Abfolge der Ereignisse in ihr Gegenteil.

Göbekli Tepe, in der Türkei, ist die erste Kulturstätte der Menschheit. Verwirrend dabei: Diese Kulturstätte entstand BEVOR die Menschen sesshafte Bauern wurden. Die aktuelle Theorie zur Entwicklung von Zivilisation lautet daher wie folgt: Noch als Jäger und Sammler begannen Menschen, in Zusammenhängen zu leben, die über die Familie hinaus gingen. Damit diese großen Gruppen funktionierten, brauchten sie ein vereinendes, tief gehendes Element, das Verbundenheit schafft.

Deshalb erfanden die Menschen Kultur. Mit diesem Gemeinschaft stiftendenFundament konnten sie Städte gründen und die Zivilisation erschaffen.

Kultur ist kein Luxus, den reiche Gesellschaften sich leisten können. Kultur ist das Fundament von Zivilisation an sich!

Zu den Deutschen wird diese Erkenntnis niemals durchdringen - Und das ist ein fundamentales Problem. Das war natürlich nicht immer so, doch schon im Verzicht der deutschen National-Bewegung auf eine gemeinsame Kultur als einendes Element war zu sehen, wo die Reise hin geht (wieder und wieder fällt den Deutschen auf der Suche nach Verbindendem nur Hass ein. Sie brauchen ihn - Sie haben nichts anderes als das und ihre Hautfarbe zur Definition ihres fragilen Nationalbegriffes). Der deutsche Nationalismus mündete in unvorstellbarer Barbarei und erst seit entsprechender Zwang von außen besteht, wird sich dahingehend zähneknirschend zusammen gerissen.

Die Verachtung von Kultur können Kulturschaffende in diesem Land schon immer implizit spüren (den Fehler, dem Taxifahrer beim obligatorischen Smalltalk auf die Frage nach dem Beruf eine ehrliche Antwort zu geben, macht kein*e Künstler*in zwei mal), richtig an die Oberfläche gekommen ist sie freilich seit dem Start der ersten großen zivilisatorischen Krise dieses Jahrhunderts. Wie widersinnig das ist - Die Zivilisation wackelt, also entfernen wir ihr Fundament - scheint niemanden so richtig zu stören. Das wird keine positiven Folgen haben.

Selbstverständlich ist es richtig, sämtliche notwendige Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor einer Pandemie zu ergreifen. Die wichtigsten Maßnahmen - Schließung der Wirtschaft, Schließung von Büros, vollständiger Lockdown - werden seit einem Jahr vermieden - Zum Preis zehntausender Menschenleben, damit Milliardäre ungestört weiterhin Profit aus der Krise schlagen können.

Nur ein Wirtschaftszweig - Die Kulturindustrie - wird, rein symbolisch, geschlossen gehalten - Und zwar ohne Aussicht auf Wiedereröffnung.

Prekär lebende Kulturschaffende der unabhängigen Szenen fallen durch die Raster der mageren Unterstützungen, die zur Verfügung stehen, und werden mangels Lobby, und mangels Solidarität glücklicher aufgestellter Kolleg*innen (wir haben keine Gewerkschaft, weil wir dumm sind), komplett im Stich gelassen. Wenn die große Wider-Öffnung kommt (falls sie kommt), wird es unabhängige Kultur in Deutschland ganz einfach nicht mehr geben.

War es bislang hart und brotlos, in Deutschland unabhängige Kultur zu schaffen, ist dieser Dorn im Auge der Teutonen nun endgültig entfernt.

Ausschließlich der staatlich geförderte (in Deutschland indiskutabel unästhetische) Bereich überlebt. Nur, wer Kunst als einen lästigen Büro-Job betreibt, wird sie weiterhin betreiben dürfen. Ein Unterschied zwischen gängigen Finanzämtern und den Arbeitsräumen staatlicher Fernsehsender und Förder-Anstalten ist optisch nicht vorhanden, weil es auch inhaltlich zwischen diesen staatlich-bürokratischen Institutionen keinen gibt. Wann immer Alternativen wie zarte Pflänzchen durch Asphalt sprossen, wurden sie platt gewalzt - Vgl. Hamburger Filmbüro.

Künstler sind in Deutschland schon immer früh gestorben oder ausgewandert. Schlingensief lieben die Deutschen, seit er unter der Erde liegt.

Wir sollten nicht zulassen, dass sie uns umbringen. Wir sollten nicht vergessen, wie sie uns in der Krise behandelt haben. Wie missgünstig, unsolidarisch, verächtlich.

"Sucht euch halt einen richtigen Job!"? Nein! Suchen wir uns das richtige Land!

Die alternative Kultur hat nichts wieder zu eröffnen, wenn die Pandemie unter Kontrolle gebracht ist. Einen Wiederaufbau hat dieses Land nicht verdient. Lasst uns gehen.

Das ist schon lange überfällig.

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